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Worte für das Unbegreifliche finden

Ich wusste schon lange, dass 2016 ein außergewöhnliches Unglücksjahr war. Dass es zusätzlich zu den bereits bekannten Tragödien im öffentlichen und privaten Raum noch eine weitere in meinem eigenen Leben geben würde, hatte ich seit einigen Wochen befürchtet. Seit heute habe ich Gewissheit, dass dieses Jahr wirklich das Fieseste und Ungerechteste war, was der Menschheit seit Langem widerfahren ist.

Das Letzte, was ich dir geschickt habe und du gelesen hast, war ein Meme mit den Worten "Druckt jemand bereits 'I survived the year 2016'-T-Shirts? Oder wartet ihr lieber noch ab?". Bevor ich auf "senden" gedrückt habe, hatte ich kurz eine böse Vorahnung - es war ein sehr mieses Jahr für dich gewesen und es war noch nicht vorbei. Es hätte perfekt in deine Pechsträhne gepasst, dass nicht einmal dieser T-Shirt-Spruch auf dich zutreffen sollte. Aber ich hätte nie gedacht, dass du tatsächlich soviel Pech haben würdest. Das könnte einfach nicht sein. Ich habe mir so sehr gewünscht, dass dieses verdammte Jahr in ein paar Tagen endlich vorbei sein würde und dir das nächste all das wiedergeben würde, was du 2016 verloren hattest. Dass du deine Ziele erreichen und wieder glücklich sein könntest. Ich hätte niemals ernsthaft geglaubt, dass dies meine letzte Nachricht an dich sein würde, die dich erreichen würde.

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich daran denke, dass schon am nächsten Tag alles vorbei war für dich. Irgendwie passt es sogar zu deinem tiefschwarzen Humor, ausgerechnet nach so einer Nachricht von mir zu sterben. Ob du daran gedacht hast, als du gemerkt hast, dass es zu Ende ging? Oder hast du es nicht mehr realisiert - wurdest du ohnmächtig, bevor dir klar wurde, was geschieht? Was ich über deine Todesumstände gehört habe, hört sich grausam und qualvoll an - aber ich weiß, dass deine Schmerzgrenze eine wesentlich höhere war als bei den meisten anderen Menschen. Du warst derjenige, der den Notarzt erst gerufen hat, wenn er sichergehen konnte, die nächste Zeit auf der Intensivstation zu verbringen. Die letzten zwei Male bist du dem Tod von der Schippe gesprungen und ich hab immer erst hinterher davon erfahren. Ich war immer besorgt und gleichzeitig erleichtert - die Gefahr war ja jedes Mal schon überstanden, als du mir davon erzähltest, und ich war so froh, dass du immer wieder diese gehörige Portion Glück im Unglück hattest. Ich habe nicht ernsthaft geglaubt, dass ich mich so bald mit einer anderen Wahrheit würde auseinandersetzen müssen.

Doch diesmal war irgendetwas anders. Als ich dich das erste Mal nicht erreichen konnte, hat es sich anders angefühlt als die letzten Male. Ich bin an Neujahr einen Umweg nach Hause gefahren, um zu sehen, ob bei dir alles in Ordnung ist. Eine kurze Zeitlang konnte ich mich wirklich der trügerischen Hoffnung hingeben, dass du mir die Tür öffnen würdest und wir einen Tee zusammen trinken würden, bevor ich weiterfahren müsste. Doch eigentlich habe ich gespürt, dass das nicht passieren würde. Eine Spiegelung hat mich getäuscht, als ich auf der Suche nach einem Parkplatz an deinem Haus vorbeigefahren bin. Deine Wohnzimmerfenster schienen hell erleuchtet und strahlten Wärme aus. Ich dachte daran, wie erleichtert wir uns gleich in die Arme fallen würden, wenn ich bei dir geklingelt hätte. Wie froh ich sein würde, dich gesund und munter anzutreffen, und dass du mir erzählen würdest, was dich so dermaßen auf Trab gehalten hatte, dass ich dich so lange nicht erreichen konnte.

Als ich mein Auto schließlich abgestellt hatte und mich deiner Wohnung näherte, war alles stockdunkel. Ich wollte es nicht glauben. Dann sah ich es: Die Beleuchtung des gegenüberliegenden Gebäudes war so hell, dass es von der Straße aus betrachtet aus einem bestimmten Winkel so aussah, als käme das Licht aus deinem Wohnzimmer. Du hast die Lampen nie angehabt an diesem Tag. Auch nicht in den Wochen davor.

Ich habe trotzdem geklingelt und mir eingeredet, dass du dich vielleicht nur schlafen gelegt hättest - ein sinnloses, verzweifeltes Unterfangen, kenne ich dich doch gut genug, um zu wissen, dass dich nicht einmal ein Gewitter aufwecken kann. Dein Name stand noch am Klingelschild. Als ich dir einen Zettel schreiben wollte, konnte ich deinen Briefkasten im Dunkeln nicht finden. Ich legte meine Nachricht - auf einen Kassenbon mit Kajal geschrieben, weil ich weder Kuli noch Terminplaner auf die Schnelle finden konnte - unter die Fußmatte und hoffte, dass sie irgendjemand lesen würde, der mir Auskunft über dich geben könnte. Die ganze Szene vor deinem Haus hatte so etwas Surreales, Unheimliches. Du warst überhaupt nicht da.

Noch einmal versuchte ich, dich zu Hause anzurufen. Etwas war neu. Dein Telefon war jetzt nicht mehr nur vorübergehend nicht zu erreichen. Es war abgeschaltet.

Ich war beunruhigter als zuvor, versuchte mich aber mit dem Gedanken zu trösten, dass du "nur" im Krankenhaus wärst und ich in einem Monat von dir hören würde, was passiert war. Ich machte mir allerdings auch Gedanken über die Alternative. Würde ich überhaupt jemals erfahren, wenn dir etwas zugestoßen wäre? Wir hatten keine gemeinsamen Freunde und deine Familie würde mich mit Sicherheit nicht kontaktieren. Andersrum genauso - allein schon aus Angst vor der Peinlichkeit, was wäre, falls doch nichts passiert wäre und du dir nur, wie schon zuvor des Öfteren geschehen, eine Auszeit genommen hättest.

Einen Gedanken hatte ich jedoch. Es gab eine Person in deiner Familie, der ich traute, weil du es tatst, und bei der ich gleichermaßen auch nichts zu verlieren hatte, weil ich sie nicht kannte. Ich schrieb ihr am 3. Januar eine Nachricht - aber da wusste ich es bereits. Ich hatte zwei Fotos auf ihrem Profil gesehen, die eindeutig auf einen Todesfall schließen ließen. Obwohl es sich auch auf jeden anderen Menschen in ihrem Umfeld hätte beziehen können, wusste ich, dass es um dich ging.

Danach lebte ich in einem Zustand, der mich an Schrödingers Katze erinnert: Ich wusste von deinem Tod und wusste es gleichermaßen nicht. Ich ging davon aus, doch ich hatte keine Bestätigung und hoffte daher immer noch, dass es nicht so wäre. Bis vor sechs Stunden, als ich endlich Antworten auf meine Fragen erhielt.

Auch, wenn diese Information eine der fiesesten war, die ich jemals erfahren musste, und ich mir so viel anderes für dich gewünscht hätte - vor allem einen anderen Tod! -, bin ich dennoch erleichtert und froh, dass ich es nun weiß. Die Ungewissheit war schlimmer zu ertragen als diese unfaire Wahrheit.

Ich schwanke noch stark in meinen Gefühlen. Die Trauer hat sich bis jetzt nur ein paarmal kurz angedeutet, doch ich bin sicher, sie wird noch mit mehr Gewalt zuschlagen in den nächsten Tagen. Andererseits ist es etwas leichter für mich zu akzeptieren, weil du nicht meiner Generation angehörst. Du warst zu jung zum Sterben, aber du hast gelebt. Du hättest noch Dinge vor dir gehabt, aber nicht mehr ein ganzes Leben. Du durftest so viele Erfahrungen machen und in vollen Zügen genießen und das hast du auch. Du hast immer getan, was du nicht lassen konntest. Ich weiß, du hast nichts ausgelassen, was du tun wolltest, und nichts bereut.

Aber andererseits verpasst du doch so viel. Wir wollten immer zu einem Fußballspiel unseres gemeinsamen Lieblingsvereins ins Stadion gehen. Du warst neugierig auf das Pastagericht, das ich so oft esse und nie geschafft habe, für dich zu kochen. Ich hingegen habe das Rezept, das du mir mal gezeigt hast, vergessen und wollte dich immer mal wieder danach fragen. Du wolltest das Erbe deiner Mutter verprassen und ich weiß, du hättest deinen Spaß damit gehabt und war schon ganz gespannt darauf, welcher Sportwagen es werden würde. Nun bist du vor ihr gegangen. Ich habe dich immer als meinen Trauzeugen gesehen und kann mir in diesem Amt wirklich keinen anderen vorstellen.

Du bist die erste Person, die stirbt, von denen, die mir wirklich nahestanden, über Jahre hinweg, von der Familie, die man Freunde nennt. Ich weiß einfach nicht, wie das ist. Ich habe gehofft, ich hätte noch lange Zeit, um mir zu überlegen, wie ich damit umgehen muss.

Wir haben schon einmal darüber gesprochen. Du hast mir gesagt, du möchtest vor mir gehen. Ich hatte Angst davor, in einer Welt zu leben, in der von dir nur Erinnerungen bleiben. Sie käme mir so leer vor. Du hast mir versprochen, nach mir zu suchen im nächsten Leben. Hältst du dein Versprechen ein? Oder geht das gar nicht, weil es gar keine Wiedergeburt gibt? Verschwindet man einfach - oder sitzt du gerade zusammen mit deiner Frau auf einer Wolke und lächelst? Sollte es wirklich Himmel und Hölle geben, so bin ich mir sehr sicher, dass du in die Hölle gekommen bist, dort voll auf deine Kosten kommst und mir schon mal den Platz direkt neben dir reserviert hast. Ich hoffe, es gibt da oben genug Chivas Regal und du stellst schon mal den Amaretto kalt!

Fühlt die Welt sich ohne dich so leer an, wie ich befürchtet hatte? Noch nicht. Ich vermisse dich, nicht erst seit heute, sondern schon seit dem Tag, als ich mit dir sprechen wollte und du nicht mehr erreichbar warst. Ich vermisse deinen wunderbar schwarzen Humor, vermisse es, wie du dich mit mir gegen den Rest der Welt verbündet hast und mir immer das Gefühl geben könntest, dass alle anderen sowieso nicht zählen, vermisse die witzigen Spitznamen, mit denen du die meisten Menschen bedacht hast, vermisse deine klugen und immer wohldurchdachten Kommentare zu jedem erdenklichen Thema, deine einfühlsame Art und deine guten Ratschläge.

Manche Menschen wissen nicht,
wie wichtig es ist, dass sie da sind,
wie gut es ist, sie zu sehen,
wie tröstlich ihr Lachen wirkt,
wie wohltuend ihre Nähe ist,
wieviel ärmer wir ohne sie wären
und
dass sie ein Geschenk des Himmels sind!

Ich bin dankbar, dass ich auf fast genau elf wunderbare Jahre mit dir zurückblicken kann, in denen wir so viele gemeinsame Erinnerungen geschaffen haben, dass ich ein Leben lang davon zehren kann, auch wenn es nicht wirklich elf Jahre waren, weil wir zwischendurch immer mal wieder Funkstille hatten... Aber du bist derjenige, den ich sogar in Zeiten, in denen ich nicht wusste, ob ich je wieder von ihm hören würde, meinen besten Freund genannt hab... Und als ich den Glauben an diese Freundschaft mal verloren hatte, da konnte dich trotzdem niemand ersetzen... Ich hatte Freunde, aber einfach niemanden, den ich als "den besten Freund" bezeichnet habe... Es gab einfach keinen zu der Zeit. Und egal, wie oft irgendwer, manchmal auch wir selbst, versucht hat, uns zu trennen... Wir haben immer wieder zusammen gefunden, weil wir einfach zusammen gehören. Du bist mein Seelenverwandter und nun fehlt ein Teil.

Aber fehlst du wirklich? Nein. Du bist immer noch hier bei mir. Ich weiß so oft, was du sagen und wann du lachen würdest, und die Erinnerung an dich werde ich mit Sicherheit nie verlieren, auch wenn ich Angst habe, den Klang deiner Stimme eines Tages zu vergessen.

Wäre ich nicht weggezogen, hätten wir uns noch öfter sehen können. Wir hätten uns wahrscheinlich früher wieder vertragen. Ich habe schon ein paar Monate nach unserem großen Bruch miteinander im Radio "Vom selben Stern" von Ich & Ich gehört und, obwohl das Lied sonst nie einen Bezug zu dir hatte, sofort an dich gedacht. In diesem Moment wollte ich dich einfach anrufen und alles vergessen, was zwischen uns stand. Aber ich hatte eine solche Angst, dass du mich abweisen würdest, dass ich es dann einfach nicht getan habe. Ein Jahr später schrieb ich dir einen Brief, um mich mit dir zu versöhnen, den ich mich nie getraut habe, abzusenden. Erst ein weiteres Jahr danach - fast drei Jahre nach dem großen Schnitt in unserer Freundschaft - konnte ich über meinen Schatten springen und siehe da: Alle meine Befürchtungen waren unbegründet. Es brauchte überhaupt gar keine Erklärungen oder Entschuldigungen, um wieder mit dir in Kontakt zu treten. Wir haben uns einfach gefreut, wieder miteinander sprechen zu können, brachten uns gegenseitig auf den neusten Stand und waren einfach Freunde - wieder oder vielmehr immer noch.

Es tut mir so Leid, dass wir nicht mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Ich musste sogar eine Weile überlegen, wann wir uns das letzte Mal gesehen haben. Es war Ostern. Im Oktober wollte ich dich noch einmal besuchen, aber du hast kurzfristig abgesagt, weil es dir nicht gut ging. Wir wollten das Treffen verschieben. Es kam nicht mehr dazu.

Weißt du, was das Verrückteste ist? Nachdem ich beschlossen hatte, Weihnachten 2016 mit einem anderen Teil der Familie zu feiern als sonst und trotzdem unglücklich war über den ganzen Stress, habe ich überlegt, ob es nicht vielleicht am Coolsten wäre, einfach mit einem Freund zu feiern, dem es genauso ging. Einfach mit dir auf der Couch zu sitzen, Pizza zu essen, "Two and a half men" zu gucken, einfach glücklich und entspannt zu sein und sich einen Dreck um die restliche Welt zu scheren. Die Vorstellung war so verlockend, aber ich hatte meinen Verwandten schon zugesagt, also nahm ich mir fest vor, dich 2017 zu fragen. Eine Stimme in meinem Hinterkopf mahnte mich: "Wer sagt dir denn, dass er dann noch da ist?", aber ich habe sie beiseitegeschoben und als Quatsch abgetan. Ich hatte das Gefühl, es sei besser, 2016 zu dir zu fahren. Die Ironie daran ist, dass es keinen Unterschied gemacht hätte. Du hast Weihnachten 2016 nicht mehr erlebt. Es ist furchtbar.

Dennoch bin ich unendlich dankbar, dass ich die Zeit mit dir erleben durfte. Eine Freundschaft, wie wir sie hatten, erfahren andere in ihrem ganzen Leben nicht. Du warst in den schwärzesten Zeiten an meiner Seite und hast mir Wege aus der Dunkelheit gezeigt...

Freunde sind wie Lichter
auf einem langen, dunklen Weg.
Sie machen ihn nicht kürzer, aber heller!

In einer schwierigen Zeit, als du meintest, es sei das Beste, wenn du aus meinem Leben verschwinden würdest und ich mich heftig dagegen gewehrt habe, sagtest du mir: "Egal, was passiert, du wirst immer mein Freund bleiben." In dem Moment habe ich die ganze Tragweite dieser Worte nicht begriffen, aber ich habe später noch oft an sie zurückgedacht und daran, wieviel Wahrheit sie doch enthielten und dass mir das kaum ein anderer Mensch so hätte sagen können.

Death ends a life, not a relationship.

Du wirst immer mein bester Freund bleiben und ich vermisse dich schon jetzt unendlich.

Ich danke dir
Für diesen einen Augenblick
Ich danke dir
Für dieses kleine Stück vom Glück
Ich danke dir
Für den unsterblichen Moment
Den ich für immer bei mir trage
Auch wenn der Vorhang fällt

23.1.17 02:01

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